Tourismus in Berlin Südwest

Kürzlich gab es ein Forum, in dem Konzepte zur touristischen Vermarktung des Berliner Südwestens vorgestellt wurden. Hintergrund ist die hohe Anzahl von Touristen in Berlin, die sich meist aber nur in den Innenstadtbezirken aufhalten. Um die Wertschöpfung dieses riesigen Marktes auch in den Südwesten zu bringen, wird an Routen gearbeitet, die in einem ca. drei Kilometer breiten und gut zwölf Kilometer langen Korridor von Dahlem über Wannsee bis zur Glienicker Brücke alle Facetten von Natur-, Stadt- und Kulturerlebnis verbinden sollen.
 
Ikarus-Denkmal im Park am Teltowkanal:  © Peter Hahn fotobluesIkarus-Denkmal im Park am Teltowkanal: © Peter Hahn fotoblues
 
Richtig gelesen! Von Lichterfelde West und Ost ist hier nicht die Rede. In einem Strategiepapier heißt es, dass unser Ortsteil „wegen der gewöhnlichen Wohnbebauung in Kombination mit wenig attraktiven Straßenraum sowie dem Fehlen von interessanten Grünflächen und tourismusrelevanter Infrastruktur“, für eine Einbeziehung in die Planung nicht geeignet ist. So ganz unrecht haben die Planer ja nicht, aber ...
Lichterfelde hat an die 500 Bau- und Gartendenkmale! Es gibt Straßen, in denen man sich durch die historische Bebauung wie im vorletzten Jahrhundert fühlt. Johann Anton Wilhelm von Carstenn entwickelte hier nach 1865 aus einem verarmten Rittergut eine Villenkolonie, die noch heute die Entwicklung eines wohlhabenden Bürgertums infolge der Industrialisierung widerspiegelt. Um zu zeigen, welch historisches Erbe um uns ist und was wir möglichen Touristen und interessierten Berlinern bieten könnten hier ein paar Vorschläge:
 
Visit Berlin – Go LiO
(sorry für den Anglizismus, wir sind natürlich international)
 
Die Anfahrt erfolgt in zwölf Minuten aus der Innenstadt zum Bahnhof Lichterfelde-Ost. Da wir von hier aus in Richtung des Teltowkanals laufen wollen, brauchen wir nicht erwähnen, dass der Kranoldplatz auf der anderen Seite des Bahnhofes nur an Markttagen sehenswert ist. Auf geht’s durch den Jungfernstieg bis zum Folke Bernadotte Heim.
 
Thema: Manfred von Ardenne, deutscher Naturwissenschaftler und Physiker, der die Funk- und Fernsehtechnik entscheidend mitentwickelte. Schräg gegenüber befindet sich die klassizistische Villa Aron von 1892. Thema Denkmalschutz: Villa, Gartenhaus und Zaun sind Denkmalgeschützt. Linker Hand geht es nun in die Boothstraße. Thema Carstennsche Sieglung und Carstennfigur: In der letzten Ausgabe berichteten wir ausführlich darüber. Ecke Marienstraße laufen wir in einem kleinen Schlenker zum Bassermannweg, um die im englichen Stil gehaltenen ersten Reihenhäuser des Reiches zu entdecken. Zurück in der Boothstraße könnte man zum Thema Weltunternehmen und Personen der Geschichte über Arthur Schwarz, den Begründer der Neuen Photographischen Gesellschaft und Otto Lilienthal, den ersten Flugpionier, erzählen, die hier gewohnt haben.

Am Ostpreußendamm laufen wir entlang des Lichterfelder Stadions (siehe Bericht Seite .. ) zum Teltowkanal. Ein sehr interessantes Thema, Der Teltowkanal: Großbaustelle bis 1906, als es noch keine Bürgerinitiativen gab, die diesen Eingriff in die Natur hätten verhindern können. Der aber auch ein Segen für die Entwässerung und die Entwicklung der Bezirke im Süden war. Bei einem Abstecher im Gartenrestaurant Tomasa wäre die halbe Strecke durchlaufen und man könnte unter schattigen Bäumen über das Gesehene reflektieren.

Vorbei am Ikarus-Denkmal für Otto Lilienthal gelangen wir zur originalen Treidelbahn an der Emil-Schulz-Brücke. Thema: Treideln – Vorbild für den Panamakanal. Danach geht es durch die Herwarthstraße, den Ostpreußendamm und die Ritterstraße zum Marienplatz. Dieser war ursprünglich für den Bau einer Kirche vorgesehen. Thema: Religiöse Vielfalt durch schlesische Dienstkräfte. Kurz vor dem Erreichen einer kühlen Erfrischung in der Bahnhofswirtschaft dürfte das Thema: Erste elektrische Straßenbahn der Welt nicht fehlen. Zum Abschluss könnte man am Jungfernstieg sogar noch einen Blick auf die Häuserzeilen aus der Nachkriegszeit werfen, Thema: Berliner Aufbauprogamm. Je nachdem, wie viel Zeit man sich lässt, würde man in zwei bis drei Stunden einen tiefen Einblick in ein Viertel bekommen, das 150 Jahre Entwicklung am Rande einer Großstadt spiegelt. Wenn das kein Erlebnistourismus ist!
 
Dies soll nur ein kurzer Abriss zur Idee eines touristischen Pfades durch Lichterfelde Ost sein. Auch wenn wir damit wohl keine internationalen Touristen anlocken können, ist es doch etwas, was mit unserer Identität und unseren Wurzeln zu tun hat und worauf wir auch ohne Besucheransturm stolz sein können.
 
Weitere Einzelheiten können wir aus Platzgründen hier nicht veröffentlichen, es ist aber ein entsprechender Kiezspaziergang für Interessierte unter fachkundiger Führung geplant.
 
 
Text von Jutta Goedicke im letzten Magazin: Ferdinandmarkt (Ausgabe April 2018)