50 Jahre Charité

Der Campus Benjamin Franklin feiert Jubiläum

Als der Campus Benjamin Franklin (CBF), damals noch als „Klinikum Steglitz“, im Herbst 1968 feierlich eröffnet wurde, prophezeite die Berlin-Verantwortliche des US-Außenministeriums, Eleanor Lansing Dulles: „Dieser Bau hat nicht nur wissenschaftlichen und kulturellen Wert, er hat vor allem politische Bedeutung; er wird in 100 Jahren noch stehen als äußeres Zeichen für die Macht der Wissenschaft.“ Für die Hälfte der Zeit hat sich die Prognose der sogenannten Mutter Berlins, die als große Förderin in der Stadt während des Kalten Krieges galt, bereits bewahrheitet.
 
 
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In diesem Jahr feiert der CBF sein 50-jähriges Bestehen. Ein guter Grund also, um der Öffentlichkeit die facettenreiche Geschichte des Hauses näher zu bringen. Den Anfang dazu haben Prof. Dr. Thomas Beddies und Dr. Andreas Jüttemann vom Institut der Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin gemacht, indem sie Interessierte und Wegbegleiter des CBF Anfang November letzten Jahres zu einem medizinhistorischen Workshop in den Hörsaal West einluden. Dass das Stegliter Klinikum vor allem mit US-amerikanischer Unterstützung entstand, ist ein bedeutend historischer Aspekt, den Charité-interne und –externe Dozenten in ihren Vorträgen hervorhoben. Als Zeitzeugen vermittelten einige der Redner einen lebendigen Eindruck davon, welch schwierige medizinische Versorgungssituation für die Berliner Bürger, Mediziner und Medizinstudierenden in der Zeit des Wiederaufbaus der Stadt herrschte. In Verbindung mit Vorträgen über Krankenhaus- und Patientengeschichte sowie die besondere Architektur des CBF gab der Auftakt-Workshop ein umfassendes Bild, welche Rolle die Klinik seit jeher auf politischer, sozialer und wissenschaftlicher Ebene spielt. In seinem Grußwort zur Eröffnung der Veranstaltung vergegenwärtigte der Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Karl Max Einhäupl das Ansehen der Klinik, an der sich deutschlandweit auch andere Einrichtungen ein Beispiel nahmen.
 
In diesem Jahr sollen bei mehreren Jubiläumsveranstaltungen vor allem persönliche Erlebnisse all derjenigen Menschen im Vordergrund stehen, die an den jahrzehntelangen Entwicklungen des Hauses beteiligt waren oder diese als Patient, Mitarbeiter, Anwohner oder Förderer begleiteten.

Grauer Riese mit Vorbildfunktion

Mit dem Ziel, sich mit Zeitzeugen auszutauschen und ein Stück Geschichte lebendig werden zu lassen, luden Prof. Dr. Thomas Beddies und Dr. Andreas Jüttemann Anfang November zu einem Workshop anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Campus Benjamin Franklin (CBF) im nächsten Jahr ein. Während der Vortragsreihe meldeten sich immer wieder Gäste aus dem Publikum zu Wort, die die wissenschaftlichen Aspekte der Redner um ihre persönlichen Perspektiven ergänzten. Aus den Ausführungen sprach die Erfahrung von Menschen, die beispielsweise jahrzehntelang am CBF gewirkt haben oder noch immer dort arbeiten. Die Redner, Mitarbeiter und interessierten Gäste blickten in dem Auftakt-Workshop gemeinsam auf eine lange Historie eines besonderen Krankenhauses zurück.

Kurze Wege und flache Hierarchien

Am 9. Oktober 1968 nahm das „Klinikum Steglitz“ nach zehn Jahren Bauzeit den halbjährigen Probebetrieb ohne Patienten auf. Um gleich in die medizinische Versorgung einzusteigen, waren die Strukturen und technischen Geräte noch zu innovativ und unerprobt. Was einst als lokales Krankenhaus gedacht war, um im Westen der Stadt der medizinischen Unterversorgung durch Kriegszerstörung und der politischen Teilung Berlins entgegenzuwirken, wurde zur modernsten und größten Einrichtung ihrer Zeit in Europa. Erstmalig arbeiteten damals 3.500 Mitarbeiter gemeinsam unter einem Klinikdach. „Möglich war dies durch eine Department-Bauweise, die sowohl alle medizinischen Abteilungen als auch Lehr- und Forschungseinrichtungen zu einem ‚arbeitenden Organismus’ mit kurzen Wegen und flachen Hierarchien zusammenfasste“, erklärte Dr. Andreas Jüttemann im Rahmen der Auftaktveranstaltung.
 
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Von lokal zu global: Ganz neue Klinik-Dimensionen wurden mit US-Hilfe möglich

Die Bauart des „Grauen Riesen“, wie das Krankenhaus in der Bevölkerung heißt, orientierte sich am Modell der in den US-Staaten bereits üblichen „Health Care Centres“, die damals mit fortschrittlichsten Standards aufwarteten. Als der Regierende Bürgermeister West-Berlins, Willy Brandt, im Frühjahr 1958 nach Washington reiste, um für den Bau der Klinik finanzielle Mittel einzuwerben, fand er schnell Befürworter auf amerikanischer Seite, die allerdings Bedingungen stellten. Um sicher zu gehen, dass die bauliche Struktur des Klinikums den funktionalen Vorstellungen der US-Partner entsprach, wurde das renommierte Architekturbüro „Curtis and Davis“ aus New Orleans mit der Umsetzung beauftragt. Die Finanzierung erfolgte zu großen Teilen durch die Benjamin-Franklin-Stiftung, die auch den Bau der Kongresshalle – das heutige Haus der Kulturen der Welt – unterstützte. Als federführender Konstrukteur vor Ort arbeitete der deutsche Architekt Franz Mocken mit den US-Experten zusammen. „So entstand statt einem Bezirkskrankenhaus mit 600 Betten ein damals europaweit einzigartiges Universitätsklinikum im architektonischen Stil des Brutalismus mit Platz für bis zu 1.430 Betten“, beschrieb Dr. Jüttemann in seinem Vortrag die Entstehungszeit des CBF.
 
Auch sonstige Zahlen und Fakten verdeutlichen, dass das Klinikum auf seinen gesamten 116.000 Quadratmetern Fläche beeindruckte. Die 40 Stationen und sieben Spezialabteilungen hatten Ende der sechziger Jahre Kapazitäten für die Behandlung von jährlich 35.000 Patienten. Mit einer sparsamen Materialplanung wären diese Strukturen nicht umsetzbar gewesen. Allein 115.000 Kubikmeter Beton sowie 8.700 Tonnen Stahl formen den rohen Korpus des Hauptgebäudes. Bei diesen Dimensionen könnten Betonmischer heutzutage 46 Mal das größte Schwimmbecken Berlins im Velodrom bis zum Rand mit der grauen Masse füllen. Die Fassadenfläche, der sogenannte „Screen“, der in seiner Struktur der menschlichen Wirbelsäule nachempfunden ist und zudem die Temperatur des Gebäudes reguliert, beläuft sich auf 10.000 Quadratmeter. Aneinandergereiht ließen sich auf den Fassadenteilen flächenmäßig rund 4.500 Krankenbetten aufstellen. Im Jahr 2012 wurde das gesamte Areal nicht zuletzt wegen der besonderen Fassadenstruktur unter Denkmalschutz gestellt.
 
Als das Klinikum geplant wurde, hätten sich die Bürger, Mediziner und Studierenden jedoch auch schon mit deutlich kleineren Dimensionen zufriedengegeben. „Von einem zentralen Krankenhaus konnte man während des Wiederaufbau Berlins nur träumen“, erklärte Prof. Dr. Thomas Beddies in seinem Vortrag zum Auftakt-Workshop. Seit der Gründung der Freien Universität im Dezember 1948 standen für die medizinische Ausbildung sechs provisorische Einrichtungen zur Verfügung, die weit auseinander gelegen über die ganze Stadt verteilt waren. Der heutige Campus Benjamin Franklin war hingegen seit jeher ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen sollen. Die Fusion mit der Charité im Jahr 2003 bettete die Klinik in Strukturen ein, die eine gelungene Zusammenarbeit im Dienste der Wissenschaft und der qualitativen medizinischen Versorgung weiter begünstigten.

50 Jahre persönliche Geschichten

Die Begegnung mit Wegbegleitern des CBF und ihre persönlichen Geschichten stehen im Mittelpunkt der Jubiläumsveranstaltungen. „Wir wollen so viele Menschen wie möglich erreichen, die etwas mit dem Klinikum zu tun haben“, erklärt Dr. Jüttemann. Dem Team um Prof. Dr. Beddies geht es vor allem darum, im Rahmen des Jubiläums eine höhere Identifikation mit dem Standort für Mitarbeiter, Studierende und Anwohner zu schaffen. „Mit dem Haus stehen viele einzigartige Geschichten in Verbindung. Wir wollen diese ab nächstem Jahr der Öffentlichkeit beispielweise durch Ausstellungen und eine gemeinsame Tagung mit der Deutschen Gesellschaft für Krankenhausgeschichte näherbringen“, beschreibt Dr. Jüttemann die Motivation der Medizinhistoriker. Erste Zuschriften mit persönlichem Bezug haben sie nach der Auftaktveranstaltung bereits erhalten. Aus ihren Recherchen ergab sich zudem der Kontakt zu Birgit Breloh, die als erstes Baby im vorherigen Klinikum Steglitz das Licht der Welt erblickte und nun das Berliner Currywurstmuseum leitet. Ihre Mutter arbeitete damals als Krankenschwester am heutigen CBF. Von genau solchen Geschichten wünschen sich Prof. Beddies und Dr. Jüttemann noch eine Menge mehr, um der jahrzehntelang gewachsenen Vielfalt des Klinikums im Jubiläumsjahr gerecht zu werden.
 
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© Text: Sarah Boeck aus „Charité am Puls“, Januar 2018, Bilder: Charité Mediencenter (CBF)