Im Portrait: Geistiger Vater und Mitbegründer von „Mutter Fourage“

Mutter Fourage, Foto: Gazette 5_15
Im südwestlichsten Teil Berlins ist „Mutter Fourage“ längst weit über Wannsee hinaus als Ausflugsziel DER Geheimtipp.Zu verdanken ist dies dem „Ur-Wannseer“ Wolfgang Immenhausen. Mit viel Kunstsinn und einem Herzen, das ganz für seinen geschichtsträchtigen Ortsteil schlägt, ist es ihm gelungen, auf dem großväterlichen Hof mit Kulturscheune, Galerie, Bilderrahmenwerkstatt, Hof-Café und Pflanzenhandel in den vergangenen 38 Jahren einen friedlichen Kommunikationsort zu schaffen, der zum Entschleunigen und Eintauchenin die Kultur lädt, Kulinarisches und Natur“köstliches“ dabei aber nicht zu kurz kommen lässt.

Hofleben und Jugend

Mit seiner Schwester Renate wuchs Wolfgang Immenhausen (*1943) auf dem rund ein Morgen (2.500 Quadratmeter) großen Hof seines Großvaters Otto Hönicke an der Chausseestraße 15a zwischen  Futtermitteln, Kleinvieh und Pferden auf. „Damals war das ein nahezu kahler Platz mit ärmlichen Wirtschaftsgebäuden, Speicher und Scheune, in denen Heu, Stroh und Futtermittel lagerten“, erinnert sich Wolfgang Immenhausen. Mutter Hildegard, Tochter des Firmeninhabers und Kaufmanns Otto Hönicke, und Vater Werner, Fouragehändler, führten an der Seite des Großvaters auch während der  Kriegstage den im Jahr 1900 gegründeten Futtermittel- Handel mit Fourage (Pferdefutter) und Kleintierfutter weiter, der im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Verteilerfunktion nach den Abgabe-Regeln des  Reichsnährstandes (RNST) innehatte. Hof und Handel überstanden diese Tage ohne nennenswerte Schäden.
 
Mit Berlins Kapitulation kamen am 2. Mai 1945 die Russen mit ihren stämmigen Panje-Pferden auf den Hof, wo sie Futter und Unterkunft fanden. „Sie waren zu uns sehr nett“, weiß Immenhausen zu berichten, damals noch Kleinkind.
 
Anlässlich des 50-jährigen Betriebsjubiläumsließ der Großvater das Haus 1950 renovieren. Sein Betrieb hatte sich inzwischen zum Kartoffelgroßhandel entwickelt, der Wannseer Einrichtungen, Märkte, Läden und Privathaushalte belieferte, und den Wolfgangs Mutter 1957 nach dem Tod des Großvaters erbte.
 
Wolfgang, der die Dreilinden-Schule besucht hatte, sollte eine Lehre zum Futtermittel-Kaufmann machen, um später den Familienbetrieb übernehmen zu können. „Doch ich wollte unbedingt Schauspieler werden“, verrät Immenhausen, schon damals begeisterter Theatergänger und Besucher des Schiller Theaters. Er brach die Lehre ab und ergriff seinen Traumberuf. 20 Jahre arbeitete er als Schauspieler, machte sich am Grips-Theater einen Namen, zu dessen Ensemble er 15 Jahre gehörte. Pferde- und Tierhaltung in Westberlin gingen in den 60er/70er-Jahren zurück, der Fourage-Bedarf sank, immer mehr Supermärkte übernahmen die Kartoffel-Versorgung. So schloss die Firma Hönicke im Jahr 1977 das Familien-Unternehmen.

Im Dreigespann Richtung „Mutter Fourage"

Dem damaligen Zeitgedanken der Wohn- und Arbeitsgemeinschaften entsprechend, taten sich noch im gleichen Jahr Wolfgang Immenhausen, Kaufmann Lutz Peters und Schriftsteller Stefan Reisner zusammen, den renovierungsbedürftigen Hof zu übernehmen. Der Speicher wurde zum Büroladen umfunktioniert, ein Pferd zog wieder inden alten Stall ein, und das Taubenhaus wurde errichtet. In das alte Kontor zog Stefan Reisner mit seiner Familie.
 
„Es war die Zeit des Landlebens angesagt“, erklärt Immenhausen. „Im noch eher dörflichen Wannsee sollte ein Nachbarschaftskieztreff entstehen, um die Gegend zu beleben. Wir wurden als linke Vögel vom Grips-Theater ganz schön kritisch beäugt“, hält er heute lachend Rückblick auf diese Zeit, in der er und seine Freunde etwa fünfmal im Jahr zu Lesungen, Theateraufführungen und kleinen Konzerten einluden, dabei aber auch den alten Fourage-Handel unter dem Firmennamen „Mutter Fourage – Futtermittelhandels GmbH Wannsee“ wieder aufleben ließen. Zusätzlich boten sie Düngemittel, Pflanzen Körbe und Töpfe an. Ein kleines Angebot selbstgebackener Kuchen war Vorläufer des späteren Hof-Cafés. Als Vorreiter in Sachen ökologischen Gartenbaus wählten sie die Produkte nach ökologischen Gesichtspunkten aus - hin zum „giftlosen Gärtnern“ und Kompostieren. Und sie leisteten Überzeugungsgespräche für eine saubere Zukunft ihrer Umwelt. „Anregung dafür erhielten wir aus den Umweltschutzorientierten Stücken des Grips-Theaters. Auf dem Hof setztenwir diese Theorie in die Praxis um“, erinnert Immenhausen, der noch bis 1985 parallel an dem Theater arbeitete, bis sich die drei Gründer der „Mutter Fourage“ trennten. 1989 eröffnete Immenhausen einen der ersten Naturkostläden auf dem Hof.

Vom Autodidakten zum Galeristen

Ehemaliger Wagenschuppen und Kartoffellager wurden nun zur beheizten Galerie umgebaut, die Immenhausen mit seiner damaligen Frau betrieb. Doch wie hatte er eigentlich zur Kunst und Malerei gefunden? „Ich bin Autodidakt“, verrät er. So habe ihn das Bild „Pferdemarkt“ des Malers Georg Koch, das in seinem Elternhaus hing, durch seine Jugend begleitet und Neugier auf die Malerei geweckt.  Als er das geerbte Gemälde dann gut verkaufen konnte, sei „der Stein ins Rollen gekommen“: Er erwarb Werke des damals vergessenen Wannseer Malers und Mitbegründers der Berliner Session, Philipp Franck (1860 – 1944). So wurde zu dieser Zeit bei der Entrümpelung eines Wannseer Schulkellers noch für ganze 200 Mark ein Franck-Gemälde verkauft, das heute um die 30.000 Euro wert ist.

Mit einer Ausstellung in seiner Scheune rückte Immenhausen den Maler wieder ins Licht der Öffentlichkeit, der seitdem zu den wichtigsten Malern seiner Galerie gehört, und zu dessen 150. Geburtstag ein  Werkverzeichnis von Wolfgang Immenhausen und Almut von Tresckow erschienen ist.
 
Inzwischen hat sich die Galerie unter Immenhausens Hand – inmitten des von Gartenarchitekten Horst Schumacher geschaffenen malerischen Gartens gelegen – zu einem Kleinod für zeitgenössische Malerei und Bildhauerei entwickelt, die manch Kunstinteressierten anlockt.
 
„Ich sehe den Schwerpunkt der Galerie aber in der Wiederentdeckung und Pflege der Berliner Secession um Max Liebermann“, betont Wolfgang Immenhausen. So habe Wannsee viele Motive besessen, was inzwischen fast vergessene große Maler hervorbrachte. – Sie wiederzuentdecken, darin sieht Immenhausen seine Aufgabe und nennt Namen wie Emil Pottner und Franz Heckendorf, denen er Ausstellungen auf seinem Hof widmet: „Denn diese Künstler haben tiefe Spuren in Wannsee hinterlassen“, so der Galerist mit dem leidenschaftlichen Geschichtsbewusstsein. Er, der 1995 Mitbegründer der Liebermann-Gesellschaft wurde, widmete dem  Künstler anlässlich seines 150. Geburtstages im Jahr 1997 die Ausstellung „Max Liebermann in Wannsee – Glanz und Untergang einer Lebenswelt“, welche die Entstehung des Liebermanngartens und der Liebemannvilla entscheidend beeinflusste.

Wegweisend für Wannsee

hat sich Wolfgang Immenhausen stets eingesetzt und will dies auch weiter tun, um Wannsees Infrastruktur positiv zu beeinflussen.
 
So ist die „Mutter Fourage“ mit ihrer Kulturscheune und Galerie inzwischen kultureller Mittelpunkt des Ortsteiles: rund 30 Veranstaltungen jährlich, von Lesung über Theaterstück bis Konzert, finden hier statt. Ein besonderes Highlight in diesem Jahr ist die noch bis zum 10. Oktober laufende Ausstellung „Das Zollinger Dach – weniger ist Zukunft“, geöffnet Fr. 14-18 Uhr, Sa. + So. 12 -17 Uhr und nach Vereinbarung. Sie widmet sich dem 1924 gebauten und 2012 unter Denkmalschutz gestellten Zollinger Dach der Kulturscheune, das in seiner ökologischen und effizienten Konstruktion zukunftsweisend ist.

Wolfgang Immenhausen, der sich in den vergangenen Jahren für die ortstypische Bebauung Wannsees ebenso engagiert einsetzte wie gegen Tunnelbau und Wannsee-Reaktor, und der dabei „Mutter  Fourage“ zur vitalen Kultur-Institution für jedermann werden ließ, hat Zweifler und Skeptiker inzwischen eines Besseren belehrt und verspricht weiterzumachen: „An diesem wunderbaren Ort des Kommunizierens.“
 
Jacqueline Lorenz
Foto: Gazette 5_15

Mutter Fourage
Chausseestraße 15a
14109 Berlin-Wannse
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