Interview mit Jutta Goedicke für Berlin.Südwest (16.07.2017)

Das Interview führte Peter Hahn

Vorab ein Kompliment. Die Zeitschrift „Ferdinandmarkt“ beeindruckt schon wenn man sie in die Hand nimmt durch ihre ansprechende Gestaltung und durch die anspruchsvolle Themenpalette, die die Zeitung anbietet. Wie schaffen Sie das?

Vielen Dank für das Kompliment. Da ich hier im Kiez lebe und arbeite, finde ich die Themen sozusagen auf der Straße. Historische Bauten, architektonische Besonderheiten, Unternehmungen mit langen Traditionen, Gastwirtschaften oder Kneipen mit Geschichte, neu eröffnete Geschäfte oder auch die alten, vertrauten, inhabergeführten Läden, die dem Kiez ihr Gesicht geben. Inzwischen denke ich manchmal schon in „Überschriften“, wenn ich etwas Interessantes entdecke.

Den wichtigsten Beitrag zur äußeren Gestaltung leistet aber der Grafiker Philipp Bernstorf, der in den letzten Jahren aus dem „Ferdinandmarkt“ ein modernes, trendiges Magazin mit ganzseitigen Bildern und einem klaren Layout gemacht hat. Außerdem fotografiert und gestaltet er die meisten Anzeigen, wodurch eine starke, einheitliche Bildsprache entstanden ist.
2017.04.00 ferdinandmarkt titelblatt

Warum nennen Sie die Zeitschrift „Ferdinandmarkt“ und seit wann geben Sie sie heraus?

Alles fing 2008 mit dem 100jährigen Bestehen des Ferdinandmarktes an. Zur Erklärung: Der Fuhrunternehmer Albert Marks wurde 1908 von Groß-Lichterfelde mit der Einrichtung eines öffentlichen Marktes auf dem Kranoldplatz beauftragt. Als sein Pachtvertrag dort auslief, gründete er auf dem benachbarten Grundstück in der Ferdinandstraße einen eigenen, privaten Markt, den Ferdinandmarkt. Anlässlich des 100jährigen Jubiläums beauftragten mich die Betreiber des Ferdinandmarktes mit der Erstellung einer Festschrift, da ich mich zu diesem Zeitpunkt schon mit kleinen Flyern zu den Marktfesten um eine gemeinsame Werbung einiger Einzelhändler kümmerte. Aus der ersten Zeitschrift wurden dann Weitere in Eigenregie, die zu den Oster- und Weihnachtsmärkten auf dem Ferdinandmarkt herauskamen und die ich anfangs sogar selbst layoutete. Das Titelblatt war immer auch das Plakat, z. B. „Ostermarkt auf dem Ferdinandmarkt“ oder „Weihnachtsmarkt auf dem Ferdinandmarkt“. Als später Philipp Bernstorf mehr und mehr die Gestaltung des Heftes übernahm, reduzierten wir den Titel schlicht auf „Ferdinandmarkt“.

Was war die Idee, eine solche umfangreiche und hochwertige Kiez-Zeitung herauszugeben?

Ehrlich gesagt ging es mir anfangs eher darum, Einzelhändlern wie mir selbst eine hochwertige, seriöse Plattform zu bieten, über die sie für ihr Geschäft werben konnten. Das Erscheinungsbild war mir dabei von Anfang an sehr wichtig. Es sollte sich von anderen Gratis-Angeboten im Kiez abheben und im Idealfall dazu anregen, es länger aufzubewahren, um Berichte noch einmal nachlesen oder Werbeanzeigen wieder auffinden zu können. Die Themenauswahl, die immer auch historische Artikel, aktuelle Berichte aus dem Bezirk und Porträts von Menschen beinhaltete, sollte das Interesse der Leser an ihrem eigenen Kiez wecken. Umfangreich wurde das Magazin erst im Laufe der Jahre, weil viele der Inserenten ihre Anzeigen kontinuierlich weiter schalteten und immer neue dazu kamen. Das erforderte natürlich neue Themen und Texte damit die Seiten nicht nur mit Anzeigen gefüllt wurden.

Machen Sie die Zeitung redaktionell und inhaltlich alleine oder haben Sie Unterstützer? Wie finanziert sich die Zeitung?

Schon in meinen ersten Artikeln über das alte Lichterfelde, den Teltowkanal und die historische Entwicklung in diesem Vorort Berlins merkte ich, wie viel Freude es mir macht, mich in die Zeit zu versetzen und nach Fakten zu recherchieren, die das Leben und die Entwicklung hier erklärten. Da ich aber auf keine journalistische Ausbildung zurückgreifen konnte und zum ersten Mal Texte für eine Öffentlichkeit schrieb, hatte ich großen Respekt davor und bat andere Unternehmer oder Bekannte, weitere Artikel zu schreiben, die das Heft füllten. Das behalte ich heute auch noch bei und so finden sich im „Ferdinandmarkt“ immer auch Berichte und Artikel von verschiedenen ortsansässigen Unternehmern oder Dienstleistern, die Erfahrungen oder Tipps aus ihrem Metier weitergeben.
 
Eine große Hilfe bei den historischen Themen sind mir Wolfgang Holtz und Wolfgang Friese, die mir mit ihren umfangreichen Bibliotheken und Postkartensammlungen die nötigen Fakten und Bilder liefern, ohne die ich die fundierten Artikel nicht schreiben könnte. Sehr froh bin ich seit der letzten Ausgabe auch über Ihre Mitarbeit, Lieber Herr Hahn, indem Sie mit Ihren interessanten Themen und aussagekräftigen Bildern inzwischen zum Team der redaktionellen Unterstützer gehören.

Finanziert wird die Zeitung ausschließlich durch die Werbeanzeigen der inserierenden Händler und Dienstleistungsunternehmen.
jutta goedicke 18.07.2017 foto peter hahn dsc08647aa

Warum begrenzen Sie die Zeitung auf Lichterfelde und Lankwitz?

Da ich hier im Kiez lebe und arbeite, habe ich ein großes Interesse daran, dass mein Umfeld so lebenswert und vielfältig bleibt, wie es ist. Deshalb bemühe ich mich mit dem Kiezmagazin darum, speziell hier historische Wurzeln aufzuzeigen, ein emotionales Gefühl für den Bezirk zu vermitteln und den Unternehmen eine hochwertige Plattform für ihre Werbung zu bieten.

Was machen sie beruflich?

In meinem „früheren Leben“ war ich mal Postbeamtin und betreibe jetzt seit 21 Jahren den Spielzeugladen Löwenzahn im Ferdinandmarkt.

Sie leben und wohnen gern im Kiez am Kranoldplatz. Was macht den Kiez für Sie so lebenswert?

Es ist die lebendige Mischung aus alten Verkehrswegen, stuckverzierten Häusern mit Geschichte, Menschen, die meistens wohlwollend und freundlich sind, inhabergeführte Einzelhändler, die ein Ohr für ihre Kunden haben, der Markt, die Nähe zum Umland, die vielen Bäume, die guten Restaurants ...

In den letzten Jahren gab es etliche Diskussionen um eine mögliche Neugestaltung des Kranoldplatzes. Sehen Sie Potential für eine stadtplanerische Optimierung des beliebten Platzes?

Unbedingt! Wenn ich in anderen Städten bin, sehe ich oft pfiffige Lösungen, wie man urbane Plätze in den Mittelpunkt eines Gemeinwesens integrieren und zu Begegnungsstätten zwischen Jung und Alt machen kann. Auch dort gab es sicherlich einige Schwierigkeiten, einen Konsens zwischen verschiedenen Interessengruppen zu finden. Hier am Kranoldplatz wurde leider nicht einmal nach einem Konsens gesucht, sondern das ganze Projekt vonseiten der Parteien abgewürgt, obwohl sich eine breite Öffentlichkeit aus Anwohnern und Gewerbetreibenden dafür ausgesprochen hat. Ich habe selbst in der Bürgerinitiative mitgearbeitet und mir zusammen mit Anderen viel Gedanken darüber gemacht wie es gelingen könnte den Markt, die Parkplätze und den Wunsch nach einer höheren Aufenthaltsqualität am Kranoldplatz zu verbinden. Auf unserer Idee von einem barrierefreien Platz, der von einigen Bäumen eingerahmt wird und der sowohl den Markt uneingeschränkt aufnimmt als auch an marktfreien Tagen eine Vielzahl von Parkplätzen erhält, hätte man sicherlich aufbauen können.

Im Ferdinandmarkt werden auch Naherholungsziele im südlich angrenzenden Land Brandenburg thematisiert. Haben Sie für uns einen Besuchertipp?

Ich liebe die Landschaft der Nuthe-Nieplitz-Niederung mit ihren Wiesen, Wäldern und sanften Hügeln. Ein schöner Ausgangspunkt ist z.B. Blankensee mit dem zauberhaften Park um das "Sudermann-Schlösschen", dem kleinen Bauernmuseum, zwei Fischern, die sogar sonntags geöffnet haben und dem versteckten Weg hinter der Kirche zum Vogelbeobachtungsturm an den Ungeheuerwiesen. Gute Gasthöfe gibt es im nahen Stücken oder etwas weiter in Körzin. Mein Favorit ist allerdings die Weinschmiede in Fresdorf: Klein, gemütlich, etwas verwildert aber mit einer Atmosphäre, die mich schon beim Eintreffen entschleunigt.
 
jutta goedicke 18.07.2017 foto peter hahn dsc08646

Stimmt es, dass Sie gerne Reisen? Können Sie uns verraten, wo Sie zuletzt waren? Haben Sie noch ein Traumziel?

Vor einigen Wochen war ich im Rahmen einer Studienreise in Neapel und an der Amalfi-Küste. Ich war stark beeindruckt von der alten Kultur, die die Menschen z. T. auch heute noch beeinflusst und von den Ausgrabungen in Pompeji, die den Zustand einer Stadt vor fast 2000 Jahren so lebendig spiegeln.
Mein Traumziel ist immer noch Mauritius, wo wir früher einige Urlaube verbrachten und woran ich herrliche Erinnerungen mit Familie und Kindern habe.
Was sind ihre gastronomischen Lieblingsspeisen?

Oh schwierig. Eigentlich esse ich alles gerne, wenn es nur frisch und gut zubereitet ist. Ich koche auch selbst sehr gerne und bin ein „begnadeter“ Verwerter von Kühlschrankresten. Aber wenn ich mich festlegen müsste, wäre es im Sommer Büffelmozzarella mit Tomaten und im Winter Gänsebraten.
 
Sie sind eine geborene Berlinerin. Was gefällt Ihnen an Berlin besonders gut, was weniger?

Die Vielfalt gefällt mir besonders gut: das Gediegene der alten West-City, die historische Mitte- ja, auch das Stadtschloss, die Flüsse und Kanäle, die unterschiedlichen Kieze der Stadt. Auf das Leben in den Straßen von Neukölln, Kreuzberg oder Prenzlauer Berg sehe ich manchmal etwas neidisch und wünsche mir hier im Bezirk etwas mehr davon. Auch von der Kreativität der Innenstadtbezirke, in denen junge Leute einfach mal eine Geschäftsidee probieren und durch die Neugier und die Experimentierfreudigkeit der Besucher bestätigt werden.

Haben sie ein Lebensmotto und was würden Sie als Ihre Leidenschaft bezeichnen? Worüber haben Sie das letzte Mal „herzlich“ gelacht?

Mein Lebensmotto ist vielleicht, sich auf Veränderungen immer wieder einzustellen und das Leben so anzunehmen, wie es kommt.  Mit Leidenschaft kämpfe ich dafür, dass der inhabergeführte Einzelhandel neben dem Internet bestehen bleibt und wir in 10 Jahren noch in einem vielfältigen, bunten Kiez leben.
Zu Ihrer letzten Frage: Leider erschließt sich eine Situationskomik, bei der man spontan losprustet, selten beim Erzählen, aber wer mich herzhaft lachen sehen möchte, findet dies in einem kleinen Imagefilm auf meiner Website (www.loewenzahn-berlin.de). Welchen Witz mir der Kameramann Patrik Meyer da gerade erzählt hat, verrate ich allerdings nicht. ;-))
 
 
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